MARIUS SINGER

sagt über sich selbst...:

 

"Meine Kunst ist verschwenderisch wie die Natur!"

 

"My art is lavish as nature itself!"


Alexandra Wendorf über Marius Singer

 

Für Marius Singer ist die Malerei eine existentielle Notwendigkeit und seine Bilder entstehen aus einem „inneren Drang“ heraus. Kunst ist für ihn Lebenselixier und definiert den compulsiven Antrieb seiner Arbeitsweise. Schon sehr früh hat er sich dem Malen verschrieben und experimentierte mit den unterschiedlichsten Farben, Materialien und Techniken. Nach dem Kunststudium an der FH für Kunst und Design in Köln hatte er schnell seinen für ihn typischen Stil gefunden, den er seither ständig weiterentwickelt. Abstrakt und doch zuweilen gegenständlich ist dieser Stil so wenig von Singers Persönlichkeit zutrennen, wie von seiner Naturverbundenheit und der psychosozialen Empathie für seine Mitmenschen. Sein bevorzugtes Mittel ist die pure Farbe, die mehrschichtig, pastos oder luzid aufgetragen, sich auf der Leinwand zu immer wieder neuen Kompositionen und Farbwelten zusammenfügt. Doch ist diese Malerei nicht etwa bildgewordenes Ergebnis von Stimmungen oder Befindlichkeiten, sondern ein leidenschaftlicher Audruck einer bewussten Haltung zum Leben. Diese Haltung ist geprägt von großem Optimismus, Kraft und Energie sowie Sensibilität und Reflexion.

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Marius Singer entwickelt seine Bildthemen völlig frei, folgt weder konkreten Ideen noch bestimmten Intentionen. Vielmehr erfolgen sie intuitiv und spontan. Auch ist es ihm wichtig, der Entstehung seiner Werke genügend Raum für experimentelle Ansätze zu lassen. Seine Bildfindungen und Farbkompositionen sind angeregt von geistigen Bildern, real Gesehenem und Sinneswahrnehmungen, bleiben aber letztlich unbestimmt und dem Moment des Malens verhaftet. Seine Arbeitsweise erinnert insofern auch an den Tachismus, bei dem der spontane Malakt die dem Künstler innewohnende kreative Kraft sichtbar machen sollte – unbewusst und aus dem Moment geboren. Ähnlich wie im deutschen Informel der 1950er Jahre entstanden hier abstrakte Bilder, die Ausdruck eines dynamischen, unmittelbaren Malvorganges waren. Jegliche formalen Strukturen und Kompositionsregeln wurden zugunsten einer spontanen Rhythmik von Linien, Farbfeldern und Formen aufgegeben, ja geradezu abgelehnt. Die informelle Malerei sollte unmittelbar die geistigen Impulse des Malers ausdrücken. Im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens stand die von Emotionen und Spontaneität geprägte prozesshafte Entstehung des Werkes – und daraus folgend das sich individuell entwickelnde Bild im Auge des Betrachters.

 

Auch für Marius Singer ist der unwillkürlich schöpferische Prozess des Malaktes ein zentrales Kriterium: seine Bilder entwickeln sich aus den reinen Mitteln der Malerei heraus. Mit energischen und dynamisch aufgetragenen, vielfach übereinander gelagerten Farbschichten lässt er unterschiedlichste Bildebenen und variationsreiche Strukturen entstehen. Zuweilen unterteilt Marius Singer seine großformatigen Bilder in horizontale oder vertikale Farbflächen oder setzt rein geometrische Formen, maßgeblich Rechtecke, in das Bildzentrum. Dadurch wird zum einen die räumliche Tiefenwirkung verstärkt und zum anderen eine Konzentrationsebene innerhalb der fließenden Farben und Formen erzielt. Der Blick des Betrachters wird auf diese Weise entweder in die Ferne gelenkt oder auf einen Punkt fokussiert; oftmals scheinen sich Horizontlinien zu bilden. Marius Singer schafft somit zweierlei Möglichkeiten und Wirkungen je nach Wahl dieser Elemente; Kontemplation oder Zerstreuung. In beiden Fällen entsteht gleichermaßen eine unmittelbare Anregung, die zu immer wieder neuen visuellen Erfahrungen und Betrachtungen einlädt, ja geradezu auffordert.

 

Sowohl deckende als auch lasurartig durchscheinende Farbflächen verleihenden Bildern eine räumliche Tiefe, wie sie vor allem Landschaftsbildern zu eigen ist. Marius Singer gelingt mit diesen für ihn charakteristischen Schichtungen eine Balance zwischen Fläche und Raum, die trotz aller Abstraktion Gegenständliches erahnen lässt. Der Betrachter wird geradezu in farbgewaltige Landschaften entführt, die Spiegelbilder eigener, individueller Welten zu sein scheinen: Erinnerungen werden wachgerufen von Wäldern, Seeufern, weiten Meeren mit scheinbar unendlichen Horizonten. Sie werden mittels eines variationsreichen Spektrums komponierter Farben und Strukturen angedeutet – doch immer nur gerade so viel, dass die Assoziationen des Betrachters unbegrenzt und offen bleiben.

 

Marius Singers Bilder geben Impulse und – das ist ihm besonders wichtig - vermitteln eine energiegeladene Stimmung. Aufgrund seines sehr persönlichen Bezuges zum Malprozess ist für ihn die künstlerische Energie und Kreativität bildimmanent. Diese Energie kulminiert in Singers exzessiver Arbeitsweise, sich beim Malen körperlich bis zur völligen Erschöpfung zu verausgaben. So arbeitet er häufig nicht etwa an der Staffelei, sondern „bearbeitet“ die Leinwand oftmals auf dem Boden liegend. Es ist ein hochintensiver Vorgang, aufgewühlt und dem Augenblick des Malens verhaftet, der zwischen Konstruktion und Dekonstruktion schwebt. Indem Singer die Farben in großzügigen, kraftvollen Bewegungen bis zu zwanzig Mal Schicht für Schicht mit Pinsel und Spachtel auf die Leinwand aufträgt, partiell abwischt, ineinander verlaufen lässt oder abträgt, ist der Entstehungsprozess unter Einsatz des gesamten Körpers stark bewegt und gestisch motiviert.

 

Unmittelbare Körperlichkeit, Musik und Tanz, die ebenfalls in Marius Singers künstlerischem Werk von besonderer Bedeutung sind, finden hier ihre malerische Entsprechung. Nicht selten verbindet er diese Ausdrucksformen in der späteren Kombination mit tänzerischer Performance, für die er sowohl die Kostüme als auch die Choreographie und die musikalische Umsetzung entwirft bzw. entwickelt. Das naturgemäß zweidimensionale Bild betrachtet Marius Singer schon aufgrund seines Entstehungsprozesses immer auch in der korrespondierenden Beziehung zum Raum. Daher ist für ihn die Erweiterung der Malerei durch Performance und schließlich auch Skulptur konsequent. Hier wird auch der experimentelle Charakter seiner künstlerischen Arbeit deutlich: Indem Marius Singer diese drei Medien in seinen Ausstellungen immer wieder kombiniert, schafft er grenzüberschreitende Gesamterlebnisse, in denen Unterschiede verschwimmen, Strukturen sich überlagern oder auflösen, Harmonien entstehen oder Kontraste geschaffen werden. Dieser stets neu und oftmals aus der Improvisation entwickelnde Prozess ist für Marius Singer Ergebnis und Motivation zugleich; beides bedingt sich einander und setzt einem Perpetuum Mobile gleich Energie frei – sowohl für ihn als Künstler als auch für den Betrachter als Rezipient.

 

Alexandra Wendorf

Text bereitgestellt von der Gesellschaft für Kunstförderung und Sponsoring mbH, Ingo Maas, Bad Honnef